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Wenn die Umwelt zur Gefahr wird

Ausgabe März 2009

Naturgefahren- und Naturraummanagement

Dr. Stephan Pichler ist Dipl. Ing. der Forstwirtschaft, Wildbach und Lawinenverbauung, eingetragen in der Kammer der Agronomen und Forstwirte der Provinz Bozen. Sein Tätigkeitsfeld erstreckt sich hauptsächlich auf den ländlichen Bereich, angefangen von der gutachterlichen Tätigkeit über technische Maßnahmenplanungen bis zur Gefahrenzonenplanung (bei alpinen Naturgefahren wie Murgängen, Lawinen oder Hochwassern).


Neben der gutachterlichen Tätigkeit wie Schätzungen und so weiter bietet er mit seinem Team auch Planungen im Hoch- und Tiefbau an und betreut die Kunden ebenso in den Fragen zur Arbeitssicherheit (Sicherheitskoordination), zu der sie aufgrund einer absolvierten Zusatzausbildung berechtigt sind. Aufgrund der breit gefächerten Kompetenzen der Agronomen und Forstwirte können Dr. Pichler und sein Team in Zusammenarbeit mit Technikern aus anderen Arbeitskreisen (Geologie, Biologie, Architektur...) interdisziplinäre Planungen anbieten und Problemstellungen lösen.  
Stephan Pichler hat uns einige Fragen zu seiner Arbeit beantwortet:  

Die SÜDTIROLERIN: Was macht für Sie Ihren Beruf so interessant?

Stephan Pichler: Unser Beruf ist sehr vielschichtig und deckt breite Interessen ab. Die Kompetenzen der Agronomen und Forstwirte können neben den Tätigkeiten in Forschung und Entwicklung, Ausbildung und Unterricht auch in der Industrie, in der öffentlichen Verwaltung sowie in landwirtschaftlichen Verbänden und Organisationen eingesetzt werden. Es ergibt sich ein breites Tätigkeitsfeld – auch freiberuflich –, das sich vor allem auf die ländlichen Regionen unseres Landes konzentriert. Agronomen und Forstwirte befassen sich mit betrieblichen, volkswirtschaftlichen, planerisch-technischen und ökologischen Aspekten in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft, der Wildbachverbauung und der Wassernutzung. Im Bereich der Raumplanung ist der Forstwirt bei der Bewertung von alpinen Naturgefahren ein gefragter Experte. Daneben können auch Tätigkeiten im Bereich des Schätzungswesens und die Funktion des Sachverständigen bei Gericht wahrgenommen werden. Die berufliche Herausforderung bei zum Beispiel planerisch-technischen Fragestellungen im ländlichen Raum liegt darin, die einzelnen Interessen und Forderungen der verschiedenen Interessensvertreter zu bündeln und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, was manchmal leichter und manchmal schwerer umsetzbar ist. Aber gerade darin liegt bei jedem betreuten Projekt eine interessante Herausforderung.  

Die SÜDTIROLERIN: Der Klimawandel ist ein großes Thema in unserer heutigen Zeit. Wie sieht es mit den Naturgefahren in unserer Region aus? Sind hier Veränderungen spürbar? Wenn ja, wie?

Stephan Pichler: Der Klimawandel wird zukünftig auch Südtirol prägen und uns vor neue Herausforderungen stellen. Aufgrund der weltweiten Klimaänderung schmelzen die Gletscher drastisch ab und verlieren dadurch auch einen Großteil ihrer stabilisierenden Wirkung auf angrenzende Felsformationen. Felsklüfte in den alpinen Regionen oberhalb der Waldgrenze sind zum Teil mit Eis gefüllt, der hier beginnende Wechsel zwischen gefrierendem und wieder auftauendem Eis destabilisiert die Felsformationen und sorgt auch in Südtirol für immer häufiger auftretende Felsabbrüche. Zudem taut auch das teilweise meterhoch unter Schutt und Geröllmassen gelegene Eis auf. Die so genannten Permafrostböden werden in immer größere Höhen zurückgedrängt; dieses Phänomen kann ganze Hänge instabil machen. Beispiele dafür liefern zum Beispiel die Landshuterhütte in Pfitsch, die bereits heute schon auseinander zu brechen droht. Erschwerend kommt hinzu, dass die von den Klimaforschern prognostizierten extremen Wetterereignisse vermehrt zu einem Aufschwemmen von Erdschichten beitragen können. Damit vergrößert sich die Gefahr von Erdrutschen. Während sich extreme Niederschläge direkt auf Hochwasser- und Lawinenereignisse in unserem Land auswirken können, werden die prognostizierten heißen und dürren Sommer nicht unmittelbar erkennbar auf das Naturgefahrenpotential Einfluss nehmen. Die Waldbestände werden sich aber bereits bei einer anhaltenden Erwärmung um wenige Grad Celsius in ihrer Zusammensetzung verändern, beziehungsweise werden sich die Vegetationsstufen nach oben verschieben. Die damit verbundenen Stressfaktoren machen den Wald schadanfälliger und belasten und beeinflussen das Ökosystem in seiner Schutzfunktion. Dürreperioden fördern zudem die Waldbrandgefahr, wodurch die Schutzwirkung einzelner Waldabschnitte zusätzlich stark beeinflusst werden kann. Um gegen solche Szenarien gerüstet zu sein, wurden von Seiten der Landesämter der Autonomen Provinz Bozen Projekte und Initiativen gestartet. Ein intakter und gesunder Schutzwaldbestand in Südtirol soll gefördert und erhalten werden, damit er weiterhin die Bevölkerung vor den Naturgefahren schützen kann. Der Gefahrenzonenplan, der als übergeordneter Fachplan dient, wird künftig zum Schutz von Mensch und Infrastruktur landesweit diejenigen Bereiche ausweisen, welche unter dem Einfluss von Naturgefahren stehen und welche nicht.  

Die SÜDTIROLERIN
: Welches war bisher Ihr interessantestes Projekt und warum?

Stephan Pichler: Es ist schwer, hier ein Projekt besonders hervorzuheben, da wir in verschiedenen Fachbereichen tätig sind und sich immer wieder interessante Problemstellungen beziehungsweise Projekte ergeben. Die historischen Hochwasserdokumentationen für das gesamte Ahrntal und den Brixner Talkessel waren vom Ergebnis her sicherlich sehr attraktiv: Es erwies sich als sehr beeindruckend, in welchen, teilweise extremen, Ausmaßen und Frequenzen die Katastrophen eingetreten sind, und wie man früher mit diesen umging. Beachtlich war das entsprechende alte Fotomaterial, das wir hauptsächlich in Archiven vorgefunden haben.   

Andererseits ist es interessant, Naturgefahren zu analysieren und am Computer realitätsgetreu zu simulieren, um – wie im Fall eines Nordtiroler Skigebietes – das potentiell möglich Ausmaß einer Lawine abzugrenzen und entsprechende    Bild 3 Schutzmaßnahmen zu bestimmen.  Aber auch technisch-planerische Aufgaben im Bereich der Land- und Forstwirtschaft, wie die Errichtung des Almweges auf eine Pustertaler Alm, gefallen uns immer wieder: Die Erschließung sollte unter der Berücksichtigung forstlicher und almwirtschaftlicher Gesichtspunkte, aber auch mit Blick auf den Landschaftsschutz erfolgen. Die Vorstellungen des Bauwerbers mit jenen des Landschaftsschutzes und der Forstwirtschaft auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, erwies sich als nicht ganz so einfach.                          

 Die SÜDTIROLERIN: Vielen Dank für das Gespräch!  


Das Interview führte Peggy Ziller   Fotos: Archiv Alpinplan  

  

Fotomaterial, das im Rahmen der historischen Ereignisdokumentation im Ahrntal gefunden wurde: Es zeigt den Blick über Luttach gegen den Rotbach nach der Vermurung von 1878 (Fotograf und Urheber unbekannt, wahrscheinlich der damalige Graf von Schloss Taufers) 

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Simulation einer Fließlawine mit dem Programm ELBA+ für einen österreichischen Auftraggeber  

In sensiblen Gebieten muss bei der Bauausführung, wie hier bei der Errichtung einer Trinkwasserleitung, mit größter Sorgfalt vorgegangen werden

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