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Welche Augenweide: sanfte „weibliche“ Giebelrundungen in zarten Pastellfarben mit einer Länge von 120 Metern. Ein Haus in der Schärdinger „Silberzeile“ konnten sich nur wohlhabende Handelsfamilien leisten. Die Unterschiede im Sozialstatus der ursprünglichen Besitzer lassen sich an den Breiten der jeweiligen Fassaden ablesen. Weil die meisten ziemlich schmal ausgefallen sind, war es üblich, die Räumlichkeiten nach hinten zu erweitern. Damit gewannen die Bauherren Platz für Lagerräume und Wagengaragen.
Der „Obere Stadtplatz“ entstand ab Beginn des 15. Jahrhunderts, als Schärding einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Unter anderem besaß die damals bayrische Innstadt das Stapelrecht: Es verpflichtete durchreisende Kaufleute dazu, ihre Waren eine gewisse Zeitlang den Bewohnern anzubieten. Die zu jener Zeit gebauten Domizile waren im Kern gotisch. Als es in der Barockepoche galt, ihnen einen neumodischen Look zu verpassen, beschränkte man sich aus Kostengründen auf eine Umgestaltung der Schauseite. Die Farbgebung konnte nicht frei gewählt werden, deutete sie doch auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Zunft. Wer Durst verspürte, peilte einfach Gelb an und landete in einem Braugasthaus.
Ein Blick zum „Erzfeind“ hinüber
Auf dem Weg zum Inn durchqueren wir den dreieckigen „Unteren Stadtplatz“, der bereits im 12.-13. Jahrhundert entstanden ist. Hier setzt sich der Reigen der bunten historischen Gebäude fort, allerdings präsentieren diese zum erheblichen Teil flache Dächer. Eine überreiche Barockornamentik mit Stuckmasken und verschlungenen Bändern bewundern wir bei Haus Nr. 9. Vor den napoleonischen Kriegen war eine derartige Verzierung häufig zu finden, 1809 aber legten die feindlichen Truppen die Stadt in Schutt und Asche. Diese Verwüstung führte zu einem langfristigen wirtschaftlichen Niedergang.
Schließlich durchschreiten wir das Wassertor. Es bildet einen wichtigen Teil der Stadtbefestigung, die der bayrische Herzog Ludwig der Gebartete 1430 errichten ließ. Auf dem Balkon rechterhand wurden Verurteilte im Mittelalter an den Pranger gestellt und so dem Spott der Öffentlichkeit ausgesetzt.
Auf der bayrischen Flussseite bewundern wir das Barockkloster Neuhaus. Der Inn diente als Transportweg für Salz von den Abbaugebieten in Hallein und Reichenhall nach Passau. In früheren Zeiten verwendete man das „weiße Gold“ für die Konservierung verderblicher Lebensmittel. Stromaufwärts zogen im frühen Mittelalter Tagelöhner die Schiffe, ab dem 15. Jahrhundert setzte man dafür Pferde ein.
Die wohlhabende Grenzstadt Schärding wurde immer wieder bei Konfrontationen rivalisierender Staaten in Mitleidenschaft gezogen. Im Jahr 1357 verpfändeten sie die in Geldnot geratenen Bayern zwölf Jahre lang an Österreich. Während des Spanischen (1701 -1714) und des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740 – 1748) besetzten sie kaiserliche Truppen. Aufgrund eines Vertrags beanspruchte Josef II. später ganz Bayern für Österreich und ließ seine Truppen in das umstrittene Gebiet einmarschieren. Der Preußenkönig Friedrich II. zwang ihn jedoch an den Verhandlungstisch und so musste er sich schließlich 1779 mit dem Innviertel samt Schärding begnügen.
Beinahe eine Residenzstadt
Unser letzter Besuch in Schärding gilt der Burg, die im Jahr 1659 zu einer prachtvollen Barockresidenz umgebaut werden sollte. Als Hausherr war der Bischof von Freising vorgesehen, der nun heiraten und weltlicher Herrscher werden wollte. Letztlich waren die Arbeiten umsonst, denn der Würdenträger gab seine amourösen Absichten auf und blieb der Kirche erhalten.
Napoleons Soldaten trafen bei einer Beschießung des Schlosses gelagerte Munitionsbestände, die in Flammen aufgingen. Nun finden wir keine prunkvollen Räume mehr mit Gold und Silber bestickten niederländischen Gobelins, sondern nur einen Park. Ob die Bauernstube und die Barockskulpturen im Heimathaus, die der Schlossturm beherbergt, genügend Ausgleich dafür bieten?
Fotos (alle Sokoloff)